Grundlegendes zu den Passionsspielen 2012

Fragen an das Regisseur-Team Alfons Velz und Robert Schmetz

Die Fragen stellte z.T. Norbert Meyers (nemo.presse), für das Regie-Team antwortete Alfons Velz

* Wie kommen „klassische“ Theaterregisseure zu einem Engagement bei Passionsspielen?

Die Passion ist eine spannende Geschichte, in der auf engem Raum vielerlei Beziehungen, Gefühle, Beweggründe und Verwerfungen der Menschen zusammentreffen. Da geht es um Freundschaft, Liebe, Angst, Neid, Verrat, Aufopferung, Mut, Vision, Feigheit, Ergriffenheit, Leid, Hoffnung, Schuld, Verzweiflung, Hass und Tod, kurz, um alles, was Menschen zutiefst berühren oder schlimmstenfalls sogar aus der Bahn werfen kann. Es werden also existenzielle Fragen aufgeworfen, von denen sich viele Brücken schlagen zum eigenen Leben und Erleben schlagen lassen.

Hinzu kommt noch die spirituelle, sinnstiftende Dimension... Also, wenn das keine Stoffsammlung, keine Mischung ist, womit man Hobby-Regisseure wie Robert Schmetz und mich reizen kann ?


* Für Alfons Velz ist es der dritte Auftrag... Wann ist ein solcher Job gegebenenfalls „ausgereizt“?

Von der Fülle der Handlungsmotive und den Möglichkeiten, schwerpunktmäßig neue Akzente menschlichen Miteinanders in Szene zu setzen, sicherlich nie.

Aber jeder Regisseur hat, ob er will oder nicht, eine Handschrift. Allein von daher sollte man den gleichen Regisseur nicht zu oft mit der Inszenierung betrauen, damit die Gefahr, sich zu wiederholen, nicht zu groß wird.

Daher trifft es sich auch ganz gut, dass Robert Schmetz sich für die Spiele 2012 bereit erklärt hat, mit mir zusammen ein Regie-Team zu bilden. Das hat die Spiele mit Sicherheit enorm bereichert.


* Fakt ist bei Passionsspielen, dass ein Happyend ausgeschlossen ist. Die Geschichte endet stets auf Golgotha. Ist das nicht frustrierend?

Bei den Schönberger Spielen ist die Geschichte nie mit Golgatha zu Ende gewesen, sondern geht nach der Auferstehung weiter. Das ist nicht frustrierend, sondern hoffnungsvoll.

2012 ist die Passion sogar eingebettet in die Rahmengeschichte von den Emmausjüngern mit ihrer beeindruckenden Wendung von Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung hin zu Begeisterung, Aufbruchstimmung und Tatendrang.

Denn auch bei uns ist der Wunsch, es nicht bei Kreuz und Tod zu belassen. So ist die Emmaus-Begegnung Dreh- und Angelpunkt der neuen Schönberger Spiele von 2012. weil in ihr das eigentlich Frohe der christlichen Botschaft steckt.

Wenn es uns gelingt, diese Freude auf das Publikum zu übertragen, dann werden wir Lukas gerecht und vermitteln ein angstfreies, optimistisches Christusbild.


* In diesem Jahr beruft sich die biblische Ebene allein auf den Evangelisten Lukas. Wieso diese inhaltliche Eingrenzung?

Ein Zusammenschnitt der verschiedenen Evangelisten, die Synopse, hat den Vorteil, dass der Zuschauer die komplette Leidensgeschichte mit allen Episoden wiederfindet, beispielsweise die berühmte Verleugnung Jesu durch Petrus am Feuer im Burghof oder der Verzweiflungstat des Judas. Die Beschränkung auf eine einzige der vier biblischen Niederschriften ermöglicht die Einbettung der Leidensgeschichte in die spezielle Perspektive eben dieses Evangelisten. Das muss keine Eingrenzung sein, es kann auch eine Erweiterung bedeuten. So ist zum Beispiel die Emmausbegegnung einzig bei Lukas zu finden (Lk 24,13-15)

Und schließlich ist da noch die äußerst wichtige Gegenwartsebene, die europaweit zum Markenzeichen der Schönberger Spiele geworden ist. parallel in heutiger Zeit speziell unter dem Aspekt der Überwindung von Trauer und Verlust noch einmal vor Augen und eröffnet gleichermaßen parallel zur Emmausebene eine weitere Dimension des Nachdenkens über die „Geschichte der Geschichten“


* Glauben Sie, dass sich der Zuschauer in den drei Zeitebenen zurechtfindet ?

Für den Zuschauer ist es mit Sicherheit eine Herausforderung, sich in den drei Ebenen zurecht zu finden, zumal wir diesmal die Übergänge bewusst sanft und nahtlos gestaltet haben. Es gibt zu keinem Zeitpunkt ein „black out“, die Bühne wird also nie völlig dunkel, die Spieler „steigen“ sozusagen wörtlich „aus einer biblischen Rolle aus“, um auf der modernen Ebene weiter zu spielen und umgekehrt. Der Bühnenhintergrund und die Kostüme verdeutlichen da sicherlich einiges, aber es ist ja nun mal gerade unsere Absicht, die Verquickung der Jesus-Dramatik mit Themen unserer Zeit sichtbar zu machen.

Spätestens dann, wenn der Hahn kräht, wird dies dem Zuschauer deutlich sein.

Die Emmaus-Ebene und die Jesus-Ebene voneinander zu trennen ist für den Zuschauer anfangs nicht leicht, da diese Ebenen zeitlich sehr nah zusammen liegen, sich von den Kostümen her gar nicht unterscheiden und der Jesusdarsteller zudem noch als auferstandener Jesus in der Emmaus-Ebene auftritt.

Mit der Unterstützung durch Musik und Bühnenhintergrund sollte es dem Zuschauer dennoch gelingen, die Szenen aus den beiden anderen Ebenen als Rückblenden oder Einschübe in die Emmaus-Rahmengeschichte zu erkennen.


* Gibt es dieses Mal noch andere inhaltliche Neuheiten?

Wirkliche Neuheiten kaum, man könnte eher von Akzentverlagerungen sprechen. Da ist zum Beispiel die lange Szene vor dem Hohen Rat, die deutlich machen soll, dass die Hohepriester aus der damaligen Sicht der jüdischen Obrigkeit nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt haben, als sie beschlossen, Jesus gefangen nehmen zu lassen und als Gotteslästerer zu verurteilen.

Wir versuchen zu zeigen, dass der Hohe Rat nicht aus Eifersucht um die Gunst der Massen oder aus niedrigen Motiven wie Neid oder Hass gegen Jesus vorgeht, sondern aus gelebter Sorge um die heiligen jüdischen Traditionen, ja sogar aus einem Gefühl der Verantwortung für das jüdische Volk heraus. In der Tat muss Jesus auf die jüdische Obrigkeit gewirkt haben wie jemand, der die seit Moses überlieferte heilige Ordnung mitsamt all ihren Ritualen umstürzen wollte.

Es wäre also verkehrt, dem Hohen Rat lediglich niedere Motive wie z.B. Neid, Eifersucht oder Bangen um den Machterhalt unterstellen zu wollen.


* Gilt diese Akzentverschiebung nur für den Hohen Rat ?

Selbstverständlich nicht. So erscheint zum Beispiel auch Pilatus diesmal in einem anderen Licht. Erinnerte er in früheren Inszenierungen bisweilen eher an den etwas flapsigen römischen Kaiser Nero, so wird er diesmal zu einem Truppenbefehlshaber in einer Stress-Situation. Der Statthalter des römischen Kaisers hatte bekanntlich die Aufgabe, am Pashafest für Ruhe und Ordnung in der brodelnden Vielvölkerstadt Jerusalem zu sorgen. Das bedeutet für Pilatus und seine Soldaten Alarmbereitschaft in Jerusalem statt entspannter Atmosphäre in Cäsarea Philippi. Ensprechend ist seine Gereiztheit dem Hohen Rat gegenüber, als das Anliegen an ihn herangetragen wird, das Todesurteil über Jesus zu bestätigen.


* Wie entsteht, wie wächst der Text, das Script?

Vor drei Jahren, am Anfang der Überlegungen zu den fünften Schönberger Spielen, stand mit der Emmausgeschichte eine grobe Skizze der Entwicklung von der Resignation zum Enthusiasmus, von Trauer zu neuem Lebenssinn. Diese Linie läuft der Entwicklung der biblischen Leidensgeschichte, also der klassischen „Passion“ zuwider, findet aber ihre Parallele in der Gegenwartsebene.

Im Laufe des Entstehungsprozesses wuchsen über zwei Jahre – wie Perlen auf einer Schnur - auf diesen beiden gegenläufigen Linien einzelne Bilder, Szenenfragmente, Dialoge und Konflikte heran. Aus der anfänglichen Konzeptgruppe wurde die Schreibgruppe, bestehend aus dem Priester und Theologen Claude Theiss, dem regieerfahrenen Spieler Robert Schmetz, und dem Regisseur Alfons Velz.

Der Austausch war oft anstrengend, aber interessant, die Diskussionen manchmal hart und ermüdend, doch insgesamt war der Entstehungsprozess recht fruchtbar und streckenweise sogar richtig beglückend

Zu Beginn der praktischen Probezeit im Herbst 2011 stand dann ein erstes grobes Drehbuch zur Verfügung. Dieses ist durch Improvisation mit den Spielern und während der praktischen Erarbeitung der Szenen erst kurz vor der Premiere zum definitiven Textbuch herangereift.


* Im Fokus der fünften Passionsspiele steht die Trauerverarbeitung als zentrale Botschaft. Wie viele persönliche Emotion kann oder muss ein Spieler in dieses sensible Thema einbringen?


Jeder Mensch ist in seinem Leben mehr als einmal tief traurig gewesen. Diese Erfahrung heißt es zu reaktivieren und übertragbar zu machen. Das kann eigentlich jeder, er muss nur offen genug und bereit sein, in seiner Vergangenheit herumzustöbern und solche Momente sozusagen „abzurufen“. Das kann sogar anfangs sehr emotional sein, entwickelt sich dann aber vom erneuten „Erleben“ zum bewussten „Darstellen“. Das gilt für alle, Regisseur und Spieler.
Dabei ist es besonders reizvoll, mit Menschen zu arbeiten, die absolut keine Bühnenerfahrung haben, und zu sehen, wie viel diese aus sich machen können, wie sehr diese ihre Scheu überwinden und über sich hinauswachsen können. Die Spielergruppe als Gesamtes ist beim Heranführen an die Aufgabe sehr wichtig. Sie hilft dem einzelnen Akteur, sich zu öffnen und Ängste abzubauen. Deshalb haben wir großen Wert auf die lange Kennenlern- und Improvisationsphase gelegt.

Die ständige Einbeziehung des selbst Erlebten in die Erarbeitung der darzustellenden Figur und der Austausch mit der Gruppe sind uns also sehr wichtig.

Für starke Momente wie Liebe, Angst, Neid, Verrat, Aufopferung, Mut, Vision, Feigheit, Schuld, Hass und Tod gibt es Tag für Tag Beispiele. Man muss nur mit offenen Augen durch die Welt gehen.

Richtig packend kriegt man sie nur dann auf die Bühne gestellt, wenn die einzelnen Spieler sie konkret mit ihrem eignen Leben in Verbindung bringen und dann versuchen, aus eigenem Erleben knappe Dialoge zu entwickeln.

* Wie gläubig muss jemand sein, um sich bei den Passionsspielen authentisch einbringen zu können?


Das Wort „gläubig“ kann man fehlinterpretieren. Wenn man mit „gläubig“ meint, dass man etwas nicht hinterfragen darf, dass man ein Dogma oder eine Lehre einfach blind annehmen muss, dann möchten wir uns nicht als „gläubig“ bezeichnen.
Religion im ursprünglichen Sinn des Wortes „religio“ bedeutet für uns, dass wir uns einem höheren Wesen verbunden fühlen möchten, welches uns Sinn und Halt im Leben gibt und für uns mit einem Wertsystem verbunden ist. Ein solches Wesen wird von niemandem blinden Kadavergehorsam verlangen. Religion setzt also auf Lebenssinn aus der Transzendenz heraus und ist daher logischerweise ein Hoffnungsszenario.

Man kann sich in einem „religiösen“ Spiel wie dem unseren also auch authentisch einbringen, wenn man nicht religiös „praktizierend“ im hergebrachten Sinne ist. Wir hatten schon Spieler, die mit Religion und Kirche absolut nichts anzufangen wussten und doch völlig überzeugende Apostel dargestellt haben.


* Die Passionsspiele ziehen um ins Triangel. Wie wichtig ist dieser Standortwechsel ? Wo liegt die Zukunft der Spiele ?


Dieser Standortwechsel hat ausschließlich pragmatische Gründe. In einer Fest- oder Turnhalle wie der von Schönberg ist Theateratmosphäre und das logistische Drumherum von Garderobe bis Beleuchtung nur mit großem personellen, zeitlichen und finanziellen Aufwand zu bewerkstelligen.

Was diese Dinge und den Sitzkomfort angeht, bietet das Triangel also sehr gute Voraussetzungen.
Das Schönberger Spiel ist dennoch mit dem Herzen in Schönberg geblieben. Daran wird auch der Umzug in den Aufführungsort Triangel nichts ändern, auch wenn seit zehn Jahren mehr und mehr Spieler und Mitarbeiter aus der gesamten deutschsprachigen Gemeinschaft und der deutschen Eifel mitgewirkt haben. Zudem wird die Gesamtleitung der Passion nach wie vor vom Organisationsteam aus den Pfarren Schönberg und Mackenbach gestemmt.

Ob es eine Zukunft für die Spiele gibt, hängt nicht vom Spielort ab. Wie sich die Spiele weiterentwickeln wird in großem Maße dadurch bestimmt, ob sich auch in Zukunft noch junge Menschen und Männer von der Faszination des Passionsspiels anstecken lassen. An Frauen hat es bisher nicht an Zuspruch und Nachwuchs gemangelt, doch ein glaubhaftes Passionsspiel verlangt nach Männern, die sich von der Passionsproblematik und ihrem Bezug zu heute anziehen lassen.

Eine weitere große Herausforderung ist die Tatsache, dass die Schönberger Spiele jedes Mal zum großen Teil völlig neu konzipiert und großenteils neu geschrieben werden müssen, die Gegenwartsebene sogar integral. Einen solchen Kraftakt im Rhythmus von fünf Jahren zu stemmen, ist keinesfalls selbstverständlich.

 



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