Grundlegendes zu den Spielen 2012

Die Fragen stellte Norbert Meyers, für das Regie-Team antwortete Alfons Velz

* Wie kommen „klassische“ Theaterregisseure zu einem Engagement bei Passionsspielen?

Die Passion ist eine spannende Geschichte, in der auf engem Raum vielerlei Beziehungen, Gefühle, Beweggründe und Verwerfungen der Menschen zusammentreffen. Da geht es um Freundschaft, Liebe, Angst, Neid, Verrat, Aufopferung, Mut, Vision, Feigheit, Ergriffenheit, Leid, Hoffnung, Schuld, Verzweiflung, Hass und Tod, kurz, um alles, was Menschen zutiefst berühren oder schlimmstenfalls sogar aus der Bahn werfen kann.

Hinzu kommt noch die spirituelle, sinnstiftende Dimension... Also, wenn das keine Stoffsammlung, keine Mischung ist, womit man Hobby-Regisseure wie Robert Schmetz und mich reizen kann ?


Die Begegnung mit der Passion Christi ist eine Begegnung mit allen möglichen Facetten menschlichen Hoffens und Leidens, Versagens und Bestehens. Existenzielle Fragen werden also angesprochen. Von dort wiederum lassen sich Brücken schlagen zum eigenen Leben und Erleben.

* Was macht den Unterschied aus zwischen einer gängigen Theaterinszenierung und der Regiearbeit für Passionsspiele?

Rein proben-, bühnentechnisch oder logistisch gar nichts. Dennoch schafft die Auseinandersetzung mit dem Stoff des Leidens und Sterbens Christi im Laufe der Vorbereitungen und Proben eine ganz besondere Atmosphäre des Vertrauens, des gemeinsamen Unterwegs-Seins, der Verbundenheit im Nacherleben aller Höhen und Tiefen der Passion.

Mit Sicherheit spielt aber auch die Aktualität, das Lebensgefühl der Menschen unserer Tage eine wichtige Rolle bei den Überlegungen. Dann ist da noch der Wunsch unsererseits, es nicht bei Kreuz und Tod zu belassen. Unsere Spiele wollen ja auch auch „religiös“ sein im ureigensten Sinn des Wortes „Religio“ setzt auf das Bewusstsein, mit den höheren Mächten verbunden zu sein und getragen zu werden, setzt also auf Lebenssinn, ist also logischerweise ein Hoffnungsszenario.


* Für Alfons Velz ist es der dritte Auftrag... Wann ist ein solcher Job gegebenenfalls „ausgereizt“?

Von der Fülle der Handlungsmotive und den Möglichkeiten, schwerpunktmäßig neue Akzente menschlichen Miteinanders in Szene zu setzen, sicherlich nie.

Aber jeder Regisseur hat, ob er will oder nicht, eine Handschrift. Allein von daher sollte man den gleichen Regisseur nicht zu oft mit der Inszenierung betrauen, damit die Gefahr, sich zu wiederholen, nicht zu groß wird.

Daher trifft es sich auch ganz gut, dass Robert Schmetz sich für die Spiele 2012 bereit erklärt hat, mit mir zusammen ein Regie-Team zu bilden.


* Fakt ist bei Passionsspielen, dass ein Happyend ausgeschlossen ist. Die Geschichte endet stets auf Golgotha. Ist das nicht frustrierend?

Bei uns endet die Geschichte nicht auf Golgatha, sondern nach der Auferstehung. Das ist nicht frustrierend, sondern hoffnungsvoll.

2012 ist die Passion sogar eingebettet in die Rahmengeschichte von den Emmausjüngern mit ihrer beeindruckenden Wendung von Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung hin zu Begeisterung, Aufbruchstimmung und Tatendrang. Die Emmaus-Begegnung Dreh- und Angelpunkt der neuen Schönberger Spiele von 2012. weil in ihr eigentlich das Frohe der christlichen Botschaft steckt. Wenn es uns gelingt, diese Freude auf das Publikum zu übertragen, dann werden wir Lukas gerecht und vermitteln ein angstfreies, optimistisches Christusbild.
Und schließlich ist da noch die äußerst wichtige Gegenwartsebene, die europaweit zum Markenzeichen der Schönberger Spiele geworden ist.
Sie führt uns die Motive und Gefühle rund um die Passion parallel in heutiger Zeit noch einmal vor Augen und eröffnet gleichermaßen parallel zur Emmausebene eine weitere Dimension des Nachdenkens über die „Geschichte der Geschichten“


* In diesem Jahr beruft sich die biblische Ebene allein auf den Evangelisten Lukas. Wieso diese inhaltliche Eingrenzung?

Ein Zusammenschnitt der verschiedenen Evangelisten, die Synopse, hat den Vorteil, dass der Zuschauer die komplette Leidensgeschichte mit allen Episoden wiederfindet, beispielsweise die berühmte Verleugnung Jesu durch Petrus am Feuer im Burghof oder der Verzweiflungstat des Judas. Die Beschränkung auf eine einzige der vier biblischen Niederschriften ermöglicht die Einbettung der Leidensgeschichte in die spezielle Perspektive eben dieses Evangelisten. Das muss keine Eingrenzung sein, es kann auch eine Erweiterung bedeuten. So ist zum Beispiel die Emmausbegegnung einzig bei Lukas zu finden (Lk 24,13-15)


* Gibt es dieses Mal auch andere inhaltliche Neuheiten?

Neuheiten wohl kaum, aber vielleicht Akzentverlagerungen. Da ist zum Beispiel die lange Szene vor dem Hohen Rat, die deutlich machen soll, dass die Hohepriester aus Sicht der jüdischen Obrigkeit nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt haben, als sie beschlossen, Jesus gefangen nehmen zu lassen und als Gotteslästerer zu verurteilen.

Wir versuchen zu zeigen, dass der Hohe Rat nicht aus Eifersucht um die Gunst der Massen oder aus niedrigen Motiven wie Neid oder Hass gegen Jesus vorgeht, sondern aus gelebter Sorge um die heiligen jüdischen Traditionen, ja sogar aus einem Gefühl der Verantwortung für das jüdische Volk heraus. In der Tat muss Jesus auf die jüdische Obrigkeit gewirkt haben wie jemand, der die seit Moses überlieferte heilige Ordnung mitsamt all ihren Ritualen umstürzen wollte.

Es wäre also verkehrt, dem Hohen Rat lediglich niedere Motive wie z.B. Neid, Eifersucht oder Bangen um den Machterhalt unterstellen zu wollen.


* Gilt diese Akzentverschiebung nur für den Hohen Rat ?

Selbstverständlich nicht. Auch Pilatus erscheint diesmal in einem neuen Licht. Erinnerte er in früheren Inszenierungen bisweilen eher an den Kaiser Nero, so wird er diesmal zu einem Truppenbefehlshaber in einer Stress-Situation. Der Statthalter des römischen Kaisers hatte bekanntlich die Aufgabe, am Pashafest für Ruhe und Ordnung in der brodelnden Vielvölkerstadt Jerusalem zu sorgen. Das bedeutet für Pilatus und seine Soldaten Alarmbereitschaft in Jerusalem statt entspannter Atmosphäre in Cäsarea Philippi. Ensprechend ist seine Gereiztheit dem Hohen Rat gegenüber, als das Anliegen an ihn herangetragen wird, das Todesurteil über Jesus zu bestätigen.


* Wie entsteht, wie wächst der Text, das Script?

Am Anfang der Überlegungen zu den fünften Schönberger Spielen stand mit der Emmausszene eine grobe Skizze der Entwicklung von der Resignation zum Enthusiasmus, von Trauer zu neuem Lebenssinn. Diese Linie läuft der Entwicklung der „heiligen Woche“ zuwider, findet sich aber in der Gegenwartsebene wieder. Im Laufe des Entstehungsprozesses wuchsen – wie Perlen auf einer Schnur - auf dieser Linie einzelne Bilder, einzelne Szenenfragmente, Dialoge und Konflikte heran.

Die definitive Textgruppe bestand aus dem engagierten Theologen Claude Theiss, dem (auch regie-)erfahrenen Spieler Robert Schmetz, und dem Regisseur Alfons Velz. Der Austausch war oft anstrengend, aber interessant, die Diskussionen manchmal hart und ermüdend, aber insgesamt ist der Entstehungsprozess recht fruchtbar und streckenweise sogar richtig beglückend gewesen.

Zu Beginn der praktischen Probezeit im Herbst stand dann ein erstes grobes Drehbuch zur Verfügung. Dieses ist durch Improvisation mit den Spielern und während der praktischen Erarbeitung der Szenen erst kurz vor der Premiere zum definitiven Textbuch herangereift.


* Im Fokus der fünften Passionsspiele steht die Trauerverarbeitung als zentrale Botschaft. Wie viele persönliche Emotion kann oder muss ein Spieler in dieses sensible Thema einbringen?


Jeder Mensch ist in seinem Leben mehr als einmal tief traurig gewesen. Diese Erfahrung heißt es zu reaktivieren und übertragbar zu machen. Das kann eigentlich jeder, er muss nur offen genug und bereit sein, in seiner Vergangenheit herumzustöbern und solche Momente sozusagen „abzurufen“. Das kann sogar anfangs sehr emotional sein, entwickelt sich dann aber vom erneuten „Erleben“ zum bewussten „Darstellen“. Das gilt für alle, Regisseur und Spieler.
Dabei ist es besonders reizvoll, mit Menschen zu arbeiten, die absolut keine Bühnenerfahrung haben, und zu sehen, wie viel diese aus sich machen können, wie sehr diese ihre Scheu überwinden und über sich hinauswachsen können. Die Spielergruppe als Gesamtes ist beim Heranführen an die Aufgabe sehr wichtig. Sie hilft dem einzelnen Akteur, sich zu öffnen und Ängste abzubauen. Deshalb haben wir großen Wert auf die lange Kennenlern- und Improvisationsphase gelegt


* Sie gehören zu den Regisseuren, die auf das von Marcel Cremer propagierte „autobiografische Theater“ setzen. Wie bringen Sie diese Philosophie konkret in die Passionsspiele ein?


Etliche Ansätze und Übungen, die ich in Workshops mit meinem unvergessenen Kollegen und Freund Marcel aufschnappen durfte, haben wir wie bei den beiden vorigen Inszenierungen in die Improvisationen und Proben eingebracht. Die Spieler sind sehr gut in die Methode eingestiegen und haben zuweilen tief bewegende Monologe oder Bilder daraus gebildet. Auch Robert hat mit seiner Kelmiser Theatergruppe mit der gleichen Methode experimentiert und das Ergebnis sprach für sich. Ganz sicher verdanken wir Marcel Cremer da sehr viel.

Marcels „autobiografisches Theater“ konsequent umzusetzen, dazu sehen wir uns nicht in der Lage, dazu hätten wir jahrelang mit ihm durch Dick und Dünn gehen müssen wie seine Agora-Spieler. Die ständige Einbeziehung des selbst Erlebten in die Erarbeitung der darzustellenden Figur und der Austausch mit der Gruppe sind uns aber sehr wichtig.

Für starke Momente wie Liebe, Angst, Neid, Verrat, Aufopferung, Mut, Vision, Feigheit, Schuld, Hass und Tod gibt es Tag für Tag Beispiele. Man muss nur mit offenen Augen durch die Welt gehen.

Richtig packend kriegt man sie nur dann auf die Bühne gestellt, wenn die einzelnen Spieler sie konkret mit ihrem eignen Leben in Verbindung bringen und dann versuchen, aus eigenem Erleben knappe Dialoge zu entwickeln.

Alle Überlegungen und Anregungen der Spieler, die sich in das Grundkonzept einfügen lassen, ohne seiner schlüssigen Linie zu schaden, werden nach Möglichkeit eingebaut.

Allerdings muss die Grundidee des Spiels gewahrt bleiben, der rote Faden, der ursprünglich angedachte Spannungsbogen darf nicht zerfleddert werden. Die Geschichte muss rund und schlüssig bleiben.

Und natürlich muss der biblische Teil theologisch korrekt bleiben. Dafür halten wir uns an die Anweisungen unserer theologischen Berater.

* Wie gläubig muss jemand sein, um sich bei den Passionsspielen authentisch einbringen zu können?

Das Wort „gläubig“ kann man fehlinterpretieren. Wenn man mit „gläubig“ meint, dass man etwas nicht hinterfragen darf, dass man ein Dogma oder eine Lehre einfach blind annehmen muss, dann möchte ich mich nicht als „gläubig“ bezeichnen.
Religion im ursprünglichen Sinn des Wortes „religio“ bedeutet für mich, dass ich mich einem höheren Wesen verbunden fühlen möchte, das mir Sinn und Halt im Leben gibt, das für mich mit einem Wertsystem verbunden ist. Ein solches Wesen wird von mir keinen blinden Kadavergehorsam verlangen. Ich bin sicher, dass ich hier auch im Namen von Robert sprechen darf.
Man kann sich in einem „religiösen“ Spiel wie dem Passionsspiel auch authentisch einbringen, wenn man nicht gläubig im hergebrachten Sinne ist. Wir hatten schon Spieler, die mit Religion und Kirche absolut nichts anzufangen wussten und doch völlig überzeugende Apostel dargestellt haben.


* Die Passionsspiele ziehen um ins Triangel. Wie wichtig ist dieser Standortwechsel ? Welche Zukunftsperspektiven sehen Sie für die Spiele ?

Dieser Standortwechsel hat ausschließlich pragmatische Gründe. In einer Fest- oder Turnhalle wie der von Schönberg ist Theateratmosphäre und das logistische Drumherum von Garderobe bis Beleuchtung nur mit großem personellen, zeitlichen und finanziellen Aufwand zu bewerkstelligen.

Was diese Dinge und den Sitzkomfort angeht, bietet das Triangel also sehr gute Voraussetzungen.
Das Schönberger Spiel ist dennoch mit dem Herzen in Schönberg geblieben. Daran wird auch der Umzug in den Aufführungsort Triangel nichts ändern, auch wenn seit zehn Jahren mehr und mehr Spieler und Mitarbeiter aus der gesamten deutschsprachigen Gemeinschaft und der deutschen Eifel mitgewirkt haben. Zudem wird die Gesamtleitung der Passion nach wie vor vom Organisationsteam aus den Pfarren Schönberg und Mackenbach gestemmt.

Wie sich die Spiele weiterentwickeln hängt in großem Maße davon ab, ob sich auch in Zukunft noch junge Menschen und vor allem Männer von der Faszination des Passionsspiels anstecken lassen. An Frauen hat es bisher nicht an Zuspruch und Nachwuchs gemangelt, doch eine glaubhafte Passion verlangt nach Männern, die sich von der Passionsproblematik und ihrem Bezug zu heute anziehen lassen.

Eine weitere große Herausforderung ist die Tatsache, dass die Schönberger Spiele jedes Mal zum großen Teil völlig neu konzipiert und großenteils neu geschrieben werden müssen, die Gegenwartsebene sogar integral. Einen solchen Kraftakt im Rhythmus von fünf Jahren zu stemmen, ist keinesfalls selbstverständlich.

 



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