Grundlegendes

Gespräch mit den beiden Regisseuren Alfons Velz und Robert Schmetz

Zum wiederholten Mal in Folge engagieren Sie sich als Regisseure bei den Passionsspielen. Was bewegt Sie, diese große Herausforderung anzunehmen?


Zunächst möchten wir betonen, dass wir seit 2012 ein harmonisches Regie-Duo bilden. Wir, Robert Schmetz und Alfons Velz sind beide zum vierten Mal dabei. 
2003 und 2007 war Alfons Regisseur und Robert ein äußerst engagierter Spieler, seit 2012 bilden wir ein eingespieltes Gespann. 
Ja, es ist trotzdem wieder eine Herausforderung, denn die Begegnung mit der Passion Christi ist eine Begegnung mit allen möglichen Facetten menschlichen Hoffens und Leidens, Versagens und Bestehens. 
Sehr viele existenzielle Fragen werden dort angesprochen, die auch heute die Menschen begeistern, im Kern ihrer Existenz treffen oder bei ihnen Veränderungen bewirken können. Hinzu kommt noch die spirituelle Ebene ... alles in allem also eine Stoffsammlung, eine Themenmischung, die für Hobby-Regisseure wie Robert und mich selbst einen besonderen Reiz darstellen.



Wie kann man sich das Entstehen des Drehbuches vorstellen? Welche Quellen, insbesondere auf der aktuellen Ebene, dienten als Starthilfe?


Zuerst legt das Organisationsteam ein Thema fest: Im Sommer 2017 haben wir folgende zentrale Themen festgelegt: die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Weltreligionen, die - teils damit direkt verbundene - Frage nach dem Stellenwert der Frau und nicht zuletzt das Loslassen und die Bereitschaft, unsere Lebensweise in Frage zu stellen. Themen also, die sich heute, zwei Jahre später, immer noch, sogar mit verstärkter Kraft, in den Vordergrund drängen. Die Proteste der Gelbwesten und die Demonstrationen der jungen Klima-Aktivisten zeugen davon. 

Dann gilt es, zu diesen Themen die passenden Bibelszenen auszuwählen und sie in eine, für unsere Themen förderliche, moderne Rahmenerzählung einzubinden. 
Schließlich haben wir uns für den Jakobsweg entschieden, denn er bietet Raum für Suche, Gespräche und Konflikte. Die Anregung dazu und einige Motive für Figuren oder Handlung hat uns der Film „Dein Weg“ von Emilio Estevez aus dem Jahre 2010 geliefert.



Wie entsteht, wie wächst der Text, das Script?


Als die Themen 2017 feststanden, haben wir beide mit der Konstruktion der Geschichte begonnen, wo Szenen und Botschaften aus den Evangelien nahtlos in Episoden des Jakobsweges übergehen oder sogar mit ihnen zusammenfließen. 
Am Ende des Recherche- und  Schreibprozesses stand dann im Frühsommer 2018 eine einzige Geschichte mit dem Titel „Loslassen“. Dieser Titel ist der rote Faden, der sich durch alle 27 Szenen - modern wie klassisch - zieht: das Damals wird zum Heute und das Heute ist das Damals.

Bis zum definitiven Text war dann noch ein weiter Weg zu gehen. Der erste Schritt führte über Kennenlernspiele, Vertrauensübungen und Improvisationsphasen mit den Spielern zum Thema. In einem zweiten Schritt wurden Texte von den Spielern selbst entworfen und vorgetragen. Das so angereicherte Script diente ab Dezember 2018 als Unterlage für das Stellen und erste Einproben der Szenen. 
Der Text - der übrigens im Internet über Tablet und Smartphone für die Spieler immer in der neuesten Fassung zugänglich ist - erfährt auch dann noch ständig Veränderungen, Anpassungen, Erweiterungen oder Kürzungen. 
Der letzte Monat vor der Premiere dient dann als dritter Schritt, als Festigung und bühnenmäßige Ausgestaltung des Erarbeiteten.



Welche inhaltlichen Neuheiten gibt es diesmal? Gibt es Akzentverschiebungen  auf der biblischen Ebene?


Bei den Schönberger Passionsspielen gibt es jedes Mal Neuheiten. Was unsere Spiele unter den rund achtzig europäischen Passions-Inszenierungen auszeichnet, ist die bewusste Verzahnung der klassischen und modernen Szenen zu einer einzigen Geschichte. Als Konsequenz verwenden wir diesmal nur Bibelszenen, deren Botschaft dem Motto „Loslassen“ entspricht. 
Dass wir dabei den allseits bekannten Rahmen des traditionellen Leidensweges von Palmsonntag bis Karfreitag sprengen, versteht sich da eigentlich von selbst.



Der Leitfaden der Passionsspiele 2012 war die Auseinandersetzung mit Trauer und Tod. Worin besteht der Leitfaden der Spiele 2019?


Die Bereitschaft, seinem Leben eine neue, andere Richtung geben, sich bewusst für einen Lebenssinn oder Lebensweg entscheiden steht im Mittelpunkt. 
Für einen solchen Ablöseprozess von ausgetretenen Pfaden gibt es im menschlichen Leben immer wieder innere oder äußere Anstöße. Wer sich ihnen stellt, macht tiefe Erfahrungen, trifft einschneidende Entscheidungen und begibt sich auf eine spannende, oft schmerzliche, aber meist fruchtbare Reise. 
Dies gilt für beide Ebenen, die klassische und die moderne.



Sind Passionsspiele in einer materiell ausgerichteten Welt noch zeitgemäß?


Wenn wir davon nicht überzeugt wären, würden wir uns ein solches Projekt nicht antun. Wir meinen, dass das Phänomen Jesus in Interaktion mit seinem damaligen Umfeld auch heute noch von großer Aktualität und Durchschlagskraft ist und für jeden Suchenden eine Quelle der Erfahrung und Inspiration sein kann. 

Unser Spiel versteht sich als Angebot, die Botschaft Jesu im heutigen Kontext auf den Prüfstein zu stellen. - und das kann streckenweise sogar durchaus unterhaltsam sein. Wir wollen Fragen und Denkanstöße liefern, immer wieder neue Ansätze suchen. 
Unser Bestreben ist nicht,  eine fertige Botschaft zu verbreiten oder eine seit Jahrtausenden bekannte Geschichte zum x-ten Male zu wiederholen.



Wie hat sich die Zusammenstellung der Laienschauspieler in diesem Jahr ergeben?  Es war nicht einfach, Männer und jüngere Menschen unter 40 Jahren zu finden. Worauf führen Sie das zurück? 

Vielleicht liegt es daran, dass es bei unseren Rollen oft ums Eingemachte geht. Frauen sind nach unserer Erfahrung eher bereit, sich öffentlich mit schweren Themen wie Verlust, Angst, Enttäuschung und Veränderung auseinanderzusetzen. 
Schon das Wort “Passionsspiel” weckt bei Männern des öfteren Fluchtreflexe. Nur intensives Gespräch darüber, was unsere Spiele ausmachen, hilft bisweilen, Männer zu überreden, mit einzusteigen.
Ähnlich ist es bei jungen Menschen. Sind sie aber einmal eingestiegen und haben sie einmal die intensive Gruppendynamik erfahren, werden sie schnell zu begeisterten Akteuren.

Wie sehen Sie die Zukunft der Schönberger Passionsspiele?


Von der Fülle der Handlungsmotive und den Möglichkeiten, schwerpunktmäßig neue Akzente menschlichen Miteinanders aktuell und ansprechend in Szene zu setzen und auf die Bühne zu bringen, bleiben Passionsspiele wie die von Schönberg immer eine interessante und reizvolle Herausforderung. 

Ob es eine Zukunft für die Spiele gibt, hängt also nicht von inhaltlichen Fragen ab. Sie wird hingegen in großem Maße dadurch bestimmt, ob sich auch in Zukunft noch junge Menschen und Männer von der öffentlichen Beschäftigung mit Fragen des Lebenssinns anziehen lassen. 
Wenn es nicht gelingt, immer wieder junge Leute und Männer mit auf den Weg zu bringen, fehlt dem Passionsspiel eine lebenswichtige Säule.

Machen Facebook, Instagram und Twitter den Passionsspielen auf lange Sicht  nicht den Garaus ?


Fakt ist, dass der Trend uns medialen Menschen nicht gerade viel Muße lässt, sich über Monate hinweg einem einzigen Themenkreis zu widmen, Texte zu schreiben, Szenen zu improvisieren, zu proben ...
Die Schönberger Spiele werden ja bekanntlich jedes Mal völlig neu konzipiert und größtenteils neu geschrieben, die Gegenwarts-Ebene sogar vollständig. 
Einen solchen Kraftakt im Rhythmus von wenigen Jahren immer wieder neu zu stemmen, ist keinesfalls selbstverständlich. 

Es bleibt dennoch die Hoffnung, dass sich auch in Zukunft Menschen bewusst für einige Zeit aus diesem Trubel herauslösen und das Abenteuer Passion wagen.




Wie gläubig muss jemand sein, um sich bei den Passionsspielen authentisch einbringen zu können?


Wir mögen das Wort „gläubig“ nicht so sehr, weil es leicht zu Missverständnissen führen kann. Wenn man von „gläubigen“ Menschen erwartet, dass sie Dogmen oder Lehren einfach blind annehmen, dann möchten wir nicht dazu gehören. 

Religion im ursprünglichen Sinn des Wortes „religio“ (deutsch: „Verbindung“) deutet auf Verbundenheit mit einem höheren Wesen hin, das uns Sinn und Halt im Leben gibt und das für ein Wertesystem steht. Ein solches Wesen wird bewusstes, selbstverantwortliches Bejahen von uns erwarten, aber ganz sicher keinen blinden, unkritischen Gehorsam verlangen.

Man kann sich sogar auch völlig authentisch einbringen, wenn man gar nicht praktiziert. 
Wir hatten schon Spieler, die mit Kirche überhaupt nichts anzufangen wussten und doch völlig überzeugende Apostel dargestellt haben. 

Entscheidend ist die Offenheit, sich für Fragen des Lebenssinns zu öffnen. Aus diesem Grund war es uns auch wichtig, Szenen einzubauen, wo Pilger auf andere Religionen treffen und Jesus eine verachtete Andersgläubige, eine Samariterin, um Wasser bittet.



Ist denn Passion nicht irgendwie auch eine Art Gottesdienst ?


Passionsspiele als  “Gottesdienst” oder sogar als “Akt der Buße” ansehen zu wollen, geht uns ganz sicher etwas zu weit. Sicherlich  berührt ein Passionsspiel Spieler, Regisseure und Mitwirkende über die ganze Vorbereitungszeit hinweg ganz anders und viel tiefer als das beispielsweise der Fall ist, wenn eine Dorftheatergruppe eine Komödie einstudiert. 

Die Proben zu Szenen aus dem Jakobsweg und dem Leben Jesu führen unweigerlich zum Nachdenken und zur ergebnisoffenen Auseinandersetzung mit Bibeltexten und Religion allgemein. 
Sie führen auch zu Gesprächen über Lebenssinn und existenzielle Fragen über Leben und Tod. 
Dadurch entsteht eine spezielle Atmosphäre, welche typisch für Passionsspiele zu sein scheint, wenn man die Berichte der mit uns befreundeten Passionsgruppen Europas so hört. 

Und die Zuschauer ?


Uns liegt es völlig fern, unseren Zuschauern einen Gottesdienst aufzunötigen, ihnen Lehren aufzudrängen oder gar die Leiden der Karwoche physisch nachfühlen zu lassen. 

Daher verzichten wir bewusst auf allzu emotionale Momente wie man sie beispielsweise mit einem detailreichen Kreuzigungs-Szenario erzeugen könnte. 

Auch verlassen wir ganz bewusst den Rahmen der traditionellen “Passion”, der Karwoche, und betten Szenen aus dem gesamten Wirken Jesu ein, die zu unseren Leitthemen passen. 
Wie kann man z.B. die Stellung der Frau besser thematisieren als mit der Herausforderung Jesu bei der Steinigungs-Szene ? Oder wann kann man auf der klassischen Ebene trefflicher über den Stellenwert anderer Religionen streiten als in der Samariterin-Szene ?

Es ist das zweite Mal, dass die Schönberger Passion im St. Vither Triangel stattfindet. 

Auch wenn die Spiele im regionalen Kuturzentrum Triangel stattfinden und immer mehr Menschen aus ganz Ostbelgien daran mitarbeiten, bleiben es noch immer die Schönberger Spiele mit ihrer typischen Verflechtung der Gegenwart mit der biblischen Ebene. 

Größte Trümpfe des Spielortes Triangel sind die technische Ausstattung, die Theater-Atmosphäre und die komfortablen Sitzränge. Außerdem haben wir dort die Möglichkeit, mittels einer ganz großen Leinwand unzählige Bühnenbilder zu projizieren, die nicht nur Hintergrund und Stimmung vermitteln, sondern darüber hinaus noch deutliche Botschaften transportieren können. 
Der Nachteil ist, dass wir während unserer Spielzeit zwischendurch mehrmals auf- und abbauen müssen, weil  im Triangel noch weitere, völlig unterschiedliche Veranstaltungen stattfinden. Letztlich überwiegen aber die Vorteile.

Was wünschen Sie sich für die Zuschauer und sich selbst ?

Vor sieben Jahren haben wir es als sehr beglückend empfunden, direkt nach dem Passionsspiel - noch geschminkt und im Kostüm - im Foyer des Triangel mit den Zuschauern austauschen zu können. 
Die Begeisterung direkt zu spüren oder Kritik aus erster Hand zu erleben, vor allem aber Fragen gestellt zu bekommen und in Gespräche über einzelne Aspekte der Spiele hinein zu gleiten, war für uns alle sehr bewegend und motivierend. 
Genau das streben wir an: wir möchten, dass die Zuschauer nicht mit vorgekauten Botschaften nach Hause gehen, sondern dass sie viele Fragen und viel Gesprächsstoff für die ganze Familie im Gepäck nach Hause tragen.

 


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